Keine Reise war je abenteuerlicher: Wir legten uns hin, die Fenster wurden abgedunkelt. Das hechelnde Atmen begann. Nach fünfzehn Minuten waren die ersten Schluchzer zu hören; nach dreissig Minuten gab es niemanden, der nicht weinte, schrie, strampelte, sogar auf seiner Matratze um sich schlug. Dabei waren wir alle brave Angehörige der Mittelschicht, Ärzte, Architekten, Psychologen. Nachher, in der grossen Runde, bei wieder zurückgezogenen Vorhängen, las man in den Gesichtern der anderen, was die wohl auch im eigenen Gesicht lasen: Wandel ist möglich, Erlösung ist möglich.

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John Cage: „Wenn du anfängst zu arbeiten, sind sie alle da in deinem Arbeitszimmer - die Vergangenheit, deine Freunde, Feinde, die Kunstwelt, und, vor allem: deine eigenen Ideen. Alle sind sie da. Aber du konzentrierst dich, du arbeitest, und sie verschwinden alle nacheinander, bist du vollkommen alleine bist. Und dann, wenn du Glück hast, verschwindest auch du.“

Feiner, aber wesentlicher Unterschied: ein Gefühl zu unterdrücken oder aber es zu transzendieren. Aussen kaum bemerkbar, bedeutet er innen fast alles.

"Wenn eine Seite nun besonders hervortritt, sich der Menge bemächtigt und in dem Grade triumphiert, dass die entgegen gesetzte sich in die Enge zurückziehen und für den Augenblick im Stillen verbergen muss, so nennt man jenes Übergewicht den Zeitgeist, der dann auch eine Zeitlang sein Wesen treibt." - Goethe

Das Zentrum des Künstlers muss aus etwas Unbedingtem bestehen - aus etwas, das bereit ist, rücksichtslos gegen sich selber zu sein und zur Verwirklichung der Vision Schimpf und Schande auf sich zu laden, sich der Lächerlichkeit preis zu geben, bis in den Tod zu gehen. Das ist keine Frage des Willens, sondern der Veranlagung, so wie die Fähigkeit, unter Wasser zu atmen, auch keine Frage des Willens wäre. Besitzt der Künstler diese Unbedingtheit nicht, lohnt sich die Auseinandersetzung mit ihm kaum.

Wenn man den Widerstand gegen den Schmerz aufgibt und sich ihm ganz überantwortet, steht am Ende nicht, wie ja befürchtet, die Auslöschung, sondern die Befreiung - das Erlangen einer unerwarteten, unerhörten geistigen Freiheit.

Hält einen geistig geschmeidig: Einmal am Tag blöd aus der Wäsche schauen, also erleben, dass sich eine liebgewonnene, in tiefem Brustton heraustrompetete Überzeugung - als falsch erweist.

Heute gilt „Lichtjahre“ von James Salter als einer der grössten amerikanischen Romane der Jahrzehnte nach dem 2. Weltkrieg; doch als das Buch herauskam, war das öffentliche Urteil vernichtend. Es gipfelte in einer Kritik der New York Times, die mit den Worten schloss: „... ein verkünsteltes, verschnörkeltes, eigentlich törichtes Buch.“

Frei! Endlich frei! Frei von der Tyrannei der Meinung anderer, frei vor allem aber von der Tyrannei der eigenen Meinung! (Ror Bosch)

Grösse: Unabhängig sein von den Meinungen anderer und zugleich ein mitfühlendes Herz haben.

In bestimmten Kompositionen von Bach, sowie auch in bestimmten Gemälden von Cézanne verschwindet der Künstler vollständig. Er ist als Person nicht mehr vorhanden, so, als habe es ihn nie gegeben; als habe das Werk sich selber geschaffen. Das scheint mir der Gipfel der Kunst zu sein.

Eine Fliege im Zimmer, die manisch umherfliegt, sich auf die Wange setzt, in der Lampe verfängt, mit aufreizendem Pochen immer wieder gegen die Scheibe prallt. Konzentration ist nicht mehr möglich. Soll man die Fliege tot schlagen? Oder soll man das Fenster öffnen und sie in den eisigen Wintertag hinauslassen? Dort draussen stirbt sie auch sofort, aber man trägt wenigstens nicht die Verantwortung.

"Everything is the way it is because it got that way", schreibt der schottische Evolutionsbiologe und Mathematiker D’Arcy Thompson in seinem immer noch einflussreichen Werk "On Growth And Form". Man muss einen Moment über ihn nachdenken, um zu begreifen, wie verstörend dieser Satz ist: Es gibt keine Tiefe, es gibt keine Transzendenz.

Auch anderthalb Jahrhunderte nach Darwin sträubt sich etwas in einem gegen dessen zentrale Erkenntnis. Zu Recht? Jedenfalls wird das Territorium, auf dem seine Gegner stehen, stetig kleiner. Ihre letzte Bastion ist das menschliche Bewusstsein, der Funke, der uns vom Roboter unterscheidet. Auch sie wird aller Voraussicht nach fallen. Was dann bleiben wird? Eine erschreckende, kaum zu ertragende Leere.

Tun trägt einen an die Mauer; nichts tun trägt einen über die Mauer.