rudolfvonwaldenfels - 1 (1).jpg
rudolfvonwaldenfels - 1 (3).jpg
rudolfvonwaldenfels - 1 (4).jpg
rudolfvonwaldenfels - 1 (1).jpg

Home


SCROLL DOWN

Home


Die Nacht: Je länger ich über sie nachsann, desto geheimnisvoller und verlockender schien sie mir, eine Zone des Abenteuers, die nicht in Asien oder Afrika lag, sondern direkt neben mir, nur einen Schritt, nur eine Stunde entfernt - die Stunde bis Sonnenuntergang. Ich war mit Pathanen durch die Wüste Belutschistans gezogen, hatte mit Afro-Amerikanern zwei Jahre in einem Slum in New York gelebt; aber jetzt konnte ich mir nichts Abenteuerlicheres vorstellen, als abends irgendwo in Deutschland aus dem Zug zu steigen und in die Nacht hinauszuwandern, um mich am frühen Morgen in einem Wald oder einem Stadtpark schlafen zu legen. Die Nacht war das Andere, das Entgegengesetzte, dem Unterbewussten, dem Triebhaften, dem Poetischen nahe. Tagsüber war Deutschland ein Land der Industrie, des Fortschritts, des globalen Handels, der technischen Vernunft; doch nachts fiel es in einen früheren, ursprünglicheren, auch einen bedrohlicheren Zustand zurück...

vertreten durch Agentur Günter Berg, Hamburg

rudolfvonwaldenfels - 1 (3).jpg

nachttext


nachttext


 

Licht. Ich öffnete die Augen. Ich war wach. Ich setzte mich auf: Tatsächlich, ich befand mich im Haus.
Aber wo kam das Licht her? Und wo kamen die Stimmen her? Ich kroch aus dem Schlafsack raus und ging auf nackten Füssen rüber zum Fenster. Ich trat vorsichtig auf, nicht nur, weil ich weder gehört noch gesehen werden wollte, sondern auch, weil hier überall Scherben lagen. Auf der Lichtung neben dem Haus stand ein Auto. Seine Scheinwerfer leuchteten direkt gegen die Hauswand und damit in das Zimmer hier im ersten Stock hinein. Das war das Licht, das mich aufgeweckt hatte. Um das Auto standen junge Männer und redeten laut. Sie lachten. Sie schubsten sich gegenseitig an. Sie hatten Flaschen in den Händen.
Wie war das möglich?
Seit Monaten kam ich immer wieder hierher, um in diesem verlassenen Gebäude zu schlafen. Dies war die erste Nacht, in der mich jemand aufstörte.
Ja, wie war das möglich? Ich war der festen Überzeugung gewesen, dass ich hier immer alleine bleiben würde, ungestört, in meinem Refugium jenseits von Raum und Zeit - und jetzt war die Lichtung, auf der das Gebäude stand, voll mit Besoffenen.
Was, wenn sie hier reinkamen? Wenn sie die Treppe hochstiegen? Ich duckte mich vom Fenster weg. Ich war schutzlos. Die nächste Ortschaft, eine kleine Stadt unten im Tal, war fünf Kilometer entfernt - für mich fünf Kilometer Fussweg, also ungefähr eine Stunde. Ich war hier mitten im Wald, mitten in der Nacht. Niemand würde mir zu Hilfe kommen. Niemand würde überhaupt wissen, wo ich zu suchen war, da ich keinem von diesem Ort erzählt hatte, nicht einmal meiner Frau. Er hatte ja mein Geheimnis bleiben sollen, mein ganz persönliches Eigentum, bis ich ihn nicht mehr brauchte. Dies war mein Ort der Heilung, des Wieder-zu-mir-selber-Kommens. Ich hatte ihn im Winter auf einer meiner Nachtwanderungen entdeckt. Schon da, also in der ersten Nacht, hatte ich gleich ein paar Stunden hier geschlafen. Ich nannte dieses verlassene Gebäude, in dem wahrscheinlich einmal ostdeutsche Grenzer kaserniert gewesen waren, „Das Haus der vergessenen Träume“, weil ich in den Nächten hier tatsächlich viele Träume gehabt, die ich aber beim Aufwachen gleich wieder vergessen hatte. Es war mir nur immer das Gefühl verblieben, und dies manchmal den ganzen Tag lang, in der Nacht ein intensives und irgendwie bedeutsames Erlebnis gehabt zu haben. 
Diesen Träumen verwandt, auf seltsam stiefgeschwisterliche Weise, war das Graffiti, mit dem vor allem im Erdgeschoss die Wände bis hoch an die Decke besprüht waren. Wohin man blickte, sah man Penisse, Totenköpfe, Vulven, urbane Ruinenlandschaften, Atompilze, dazu die bunten und äusserst kunstvoll verschlungenen Namenszüge von „Kävn“, „Tommmm!!!!“ „Killer“ und so weiter. Unter anderen Umständen hätte mich das Graffiti bedrückt; hier und jetzt aber gab es mir ein Gefühl der Zugehörigkeit, der Geborgenheit sogar. 
„Ort der Heilung“ - das klingt ein bisschen aufgeblasen, ich weiss. Es ist mir aber ganz ernst damit.

Im Spätsommer, also rund zehn Monate zuvor, war mir nach einer Operation mitgeteilt worden, dass ich mit grosser Wahrscheinlichkeit nur noch ein Jahr zu leben hätte. Die Ärzte hatten einen aggressiven Krebstumor aus meiner Blase herausgeschnitten. Einen Monat lang brach ich immer wieder heulend zusammen, schlug buchstäblich meinen Kopf gegen die Wand, riss mir sogar einmal die Kleider vom Leib. Dann, nach einer weiteren Operation, kam die überraschende Wendung. Man hatte sich doch getäuscht, der Krebs hatte ein wesentliches Stadium doch noch nicht erreicht, ich würde doch mehr oder minder unbeschadet aus der Sache rauskommen. Ich müsste mich nicht einmal eine der gefürchteten Strahlen- oder Chemotherapien unterziehen. 
Ich war wie ein Angeklagter, der mit der Todesstrafe gerechnet hat, doch überraschend frei gesprochen wird. Man nahm mir die Handschellen ab, trat zur Seite und sagte, so, als sei gar nichts gewesen: Bitteschön, Sie können den Gerichtssaal verlassen. 
Ich fühlte mich, buchstäblich, wie neu geboren. Doch schon nach einigen Wochen wurde klar, dass ich zwar körperlich davongekommen war, nicht aber psychisch. In jenen Tagen, in denen ich gegen meinen so plötzlich bevorstehenden Tod angeheult, angeschrieen, angewütet hatte, war irgendetwas in mir zerbrochen; irgendetwas war kaputt gegangen, von dem ich nicht genau wusste, was es war, das ich aber dringend wieder in Ordnung bringen musste. Ich befand mich in einer schweren psychischen Krise. 
So ungewöhnlich ist das nicht. In der Regel wird Krebspatienten, sobald die rein medizinische Behandlung hinter ihnen liegt, von den Krankenkassen eine mehrwöchige Kur bezahlt. Teil des Programms dort sind immer auch psychotherapeutische Sitzungen. Der Schock über die oft ja tödlich verlaufende Erkrankung wirft viele seelisch aus der Bahn. 
Doch auf Kur wollte ich nicht, ebensowenig wie ich psychotherapeutische Hilfe in Anspruch nehmen wollte, gegen die im Übrigen nichts zu sagen ist. Ich wollte erstmal nur meine Ruhe haben, körperlich wieder zu Kräften kommen und vor allem möglichst viel zeitlichen Abstand zwischen mich und jene traumatischen Wochen bringen.
Krise - was bedeutete das in meinem Fall? Es bedeutete, dass ich mich wie ausgehöhlt, wie ausgekratzt fühlte. In mir war nichts mehr drinnen, kein Interesse, keine Anteilnahme, auch keine Libido mehr. Alles liess mich kalt, unbeteiligt. Wenn meine Kinder nach hause kamen und mir zum Beispiel eine gute Note zeigten, dann tat ich so, als freue ich mich. In Wirklichkeit war es mir egal. Wenn meine Frau intim mit mir werden wollte, dann musste ich mich dazu zwingen, ihre Zärtlichkeiten zu erwidern. Ich war wie ein Zombie. Nach aussen hin funktionierte ich noch, nach innen hin aber war ich tot. Nicht einmal die Literatur, nicht einmal Kunst oder Musik erreichten mich noch. Auch in den schwierigsten Lagen meines Lebens - oder gerade in den schwierigsten Lagen meines Lebens - hatte ich dort immer eine Zuflucht gefunden: Eine Stimme, die zu mir sprach, ein Bild, das mich wieder lebendig werden liess. Jetzt aber legte ich jedes Buch schon nach wenigen Seiten weg. Was soll das Ganze, dachte ich. Warum all der Aufwand das zu schreiben, das zu drucken, das unter die Leute zu bringen? 
Warum überhaupt sich um irgendetwas bemühen? 
Die Nachrichten waren voller Menschen, die etwas machten. Sie führten Krieg, sie retteten andere aus Seenot, sie erfanden neue Medikamente. Mörderinnen, Nobelpreisträger, Heilige, Passanten, Totengräber, Wirtschaftswissenschaftlerinnen - weiter und weiter und weiter und weiter. Eine Riesenmaschine, die sich unter unglaublichem Lärm durch die Zeit wälzte. Ich begriff nicht mehr, warum. Ich lag da, der einzig stille Punkt im Universum, und sah dabei zu, wie sich alles andere rasend um mich drehte.
Ich stand morgens auf, ging in mein Arbeitszimmer und legte mich dort aufs Sofa. Der Tag begann, erreichte seinen Höhepunkt und sank wieder in die Nacht. Vor den Scheiben wurde es erst grau, dann schwarz. Der Sommer ging vorüber, der Herbst brach an, die Tage wurden kürzer, die Abende kamen früher und früher. Ich konnte mich nicht einmal darüber aufregen, dass meine Lebenszeit, von der ich ja jetzt wusste, wie schnell sie zu einem Ende kommen konnte - dass die so leer und sinnlos verstrich.
Ich trieb weiterhin jeden Tag Sport, so wie früher auch, aber ich tat es nicht aus Lust, sondern aus Angst. Die Ärzte hatten mir nämlich gesagt, dass körperliche Bewegung eine der wichtigsten Vorbeugemassnahmen gegen Krebs ist. So egal mir alles andere geworden war - ins Krankenhaus, auf die Krebsstation wollte ich unter keinen Umständen zurück. Also zwang ich mich einmal am Tag von meinem Sofa weg, quälte mich durch Regen oder Sonnenschein, und nahm mir aber danach nicht einmal die Zeit, mich zu duschen, sondern legte mich verschwitzt, wie ich war, wieder auf mein Sofa. Auch sonst wusch ich mich nur noch selten. Das lag daran, dass mir der Anblick meines nackten Körpers unangenehm geworden war. Er, der ja eigentlich mein treuer und loyaler Diener hätte sein sollen, hatte sich gegen mich gewendet, indem er diesen Krebs ausgebrütet hatte. Er hatte mich verraten. Ich sah ihn im Spiegel nicht mehr mit Zuneigung, sondern mit Misstrauen an…
"Wo führt das alles hin?", fragte ich mich manchmal. Aber anstatt nach einer Antwort zu suchen, drehte ich mich auf meinem Sofa nur von der rechten auf die linke Seite, und starrte dann eben nicht zum Fenster raus, sondern gegen die Wand. 
Da nach den verschiedenen Operationen die Blase noch überempfindlich war, musste ich nachts in der Regel mindestens einmal aufstehen, um aufs Klo zu gehen. Es war irgenwann Ende Oktober, dass ich nicht gleich wieder ins Bett ging wie sonst, sondern noch einen Moment im dunklen Badezimmer stehen blieb. Die Spülung verrauschte, der Spülkasten füllte sich plätschernd wieder mit Wasser. Ich trat ans Badezimmerfenster und sah hinaus. Vor mir erstreckte sich die dunkle Landschaft, mit ihren schwarzen Bergen, dem bewölkten Himmel, in dem sich irgendwo der Mond verborgen hielt. In der Ferne blinkten rote Lichter. Das waren die Windräder, die man vor ein paar Wochen neu aufgestellt hatte. Ich trat noch näher heran. Unten im Tal - unser Haus stand auf einem Berg oben - konnte man die Scheinwerfer eines einsamen Autos sehen, das zwischen den Bäumen langsam die Strasse heraufkam. Ich folgte ihm mit den Augen, bis es hinter einer Bergkrümmung verschwunden war. Aus irgendeinem Grund gab mir der Anblick einen Stich ins Herz - einen Sehnsuchtsstich. Ich wäre jetzt auch gerne da draussen, unterwegs in der Dunkelheit. In den darauffolgenden Wochen musste ich oft an jenes Auto denken, an die dunkle Strasse, an den schwarzen Wald. Immer wieder stand ich jetzt nachts am Fenster und blickte raus. Ich sah den Wolken dabei zu, wie sie über den Mond zogen… Ich musste da raus - ich musste da raus, in diese Dunkelheit, und das nicht nur für fünf Minuten, sondern für eine Stunde, für die ganze Nacht. Irgendetwas Grossartiges, Spannendes, unendlich Abenteuerliches wartete auf mich da draussen. Was auch immer es war - eines stand fest: Meine Sofazeit war an ihr Ende gekommen. 

Draussen war ein lautes Klirren zu hören, gefolgt vom kollektiven Lachen der Männer. Das Klirren wiederholte sich. Es kam von unterhalb meines Fensters. Ich wusste, dass dort eine Eisenstange etwa einen Meter weit aus dem Mauerwerk ragte, ohne ersichtlichen Grund. Sie war mir in der Vergangenheit öfters aufgefallen. Die Stange war leicht nach unten gebogen, was ihr ein bisschen das Aussehen eines halb erigierten Penis' gab. Dem Klang ihres Lachens nach zu urteilen, hatten die jungen Männer draussen eine ähnliche Assoziation gehabt und deshalb die Stange zu ihrer Zielscheibe gemacht. Flasche nach Flasche klirrte gegen die Fassade. Wenn die Stange getroffen wurde, gab sie ein kurzes Brummen von sich, dessen Vibration ich auch im Fussboden fühlen konnte, auf dem ich neben dem Fenster hockte. Eine Flasche allerdings verfehlte ihr Ziel komplett: Sie flog in das Zimmer hinein, zerschellte aber nicht auf dem Linoleum, sondern landete wohlbehalten bei der zertrümmerten Zimmertür. Dort lag sie, dunkelgrau und bedrohlich. Langsam wurde es unangenehm.

 
rudolfvonwaldenfels - 1 (4).jpg

nachtexist


nachtexist


 

Im Nachhinein, als die Lichtung hinter mir lag und ich mich wieder im Wald befand, war ich mir sicher, dort einen Mann gesehen zu haben; doch zuerst hatte ich an eine optische Täuschung gedacht, an eine Vorspiegelung meiner Angst, wie ich sie schon einige Male erlebt hatte. Trotz der vielen Nächte, die ich nun draussen verbracht hatte, war eine Restunruhe in mir geblieben, die schnell in jedem Knacken, in jedem Schatten eine Bedrohung vermutete. Nach wie vor musste ich immer wieder meine Fantasie zur Ordnung rufen, die sich beim geringsten Anlass grausige Szenarien ausmalte, an deren Ende ich erstochen oder erschlagen auf dem Boden lag. 
Ich hatte mir also angewöhnt, nach jedem Schreckensmoment beruhigend auf mich selber einzureden, so, wie man beruhigend auf ein Kind einredet, das in der Zimmerecke ein Gespenst gesehen hat. Je länger ich so durch die Nächte streifte, desto überzeugender wirkte diese Stimme der Vernunft - denn sie hatte bislang ja immer recht gehabt. Es war mir ja nirgendswo etwas geschehen, und es hatte sich noch jedes Knacken, jeder Schatten als harmlos erwiesen.
Aus diesem Grund widmete ich dem, was ich da auf der anderen Seite der Lichtung zu sehen geglaubt hatte, keine weitere Aufmerksamkeit. Ich folgte unbeirrt dem Weg, der mich erst in den Wald und dann auf Serpentinen immer höher führte, bis der Kamm erreicht war. Dort öffnete sich der Blick auf eine hügelige Landschaft. Ich lief querfeldein über Wiesen und Äcker und sah dann, wie eine Erscheinung, den schwarzen Turm einer Kirche vor dem Sternenhimmel. Er schob sich mit jedem Schritt, den ich den Hang hinaufkam, weiter in die Höhe. Ein Dorf lag schliesslich vor mir, eine kleine Ansammlung von Häusern, in der nur wenige Lichter brannten. Die Kirche befand sich am Rand des Dorfes, direkt am Feld. Ich stieg über die alte Kirchhofmauer und stand vor der offenen Tür eines Nebengebäudes. Drinnen war es so dunkel, dass man nichts sehen konnte. Auf der Schwelle lagen halb zerknitterte Papiere. 
Ich ging zurück zur Mauer und setzte mich auf sie, mit dem Rücken zur Kirche. Vor mir breitete sich die Wiese aus, über die ich gekommen war, und die in einer sanften Wölbung hinab zum Wald führte. Darüber erstreckte sich der Sternenhimmel - klar, prächtig, funkelnd.
Es war eine Nacht zum Glücklichsein, trotz der Kälte, die beim Einatmen in die Nasenflügel stach. Ich baumelte mit den Beinen und war versucht, irgendein Lied zu singen, irgendetwas Kitschiges - es aus lauter Freude herauszubrüllen, bis der Wald und das Dorf hinter mir aufwachten. 
Nach einer Weile wurde mir aber dann doch der Hintern kalt. Ich ass eine Tafel Schokolade, stand auf, schulterte den Rucksack. Es war zwei Uhr in der Früh. Ich rechnete, dass ich drei Stunden von hier bis zum Bahnhof brauchte. Ob um fünf Uhr schon wieder Züge fuhren? Es war den Versuch wert. 
Ich war wieder bei den Serpentinen angekommen, als ich zwischen den Bäumen hindurch einen Schatten sah. Diesmal war kein Zweifel möglich: Dort unten lief jemand, und zwar in meine Richtung. Ich wäre weniger erschrocken gewesen, wenn ich nicht zwei Stunden davor jene Figur auf der Lichtung gesehen hätte. Das Kartenhaus meiner Selbsberuhigung stürzte zusammen; die Stimme der Vernunft hatte doch Unrecht gehabt. Nun fiel mir auch wieder ein, was genau mich vorhin so verstört hatte: Der Mann - und es war sicherlich ein Mann - hatte zu mir rübergesehen. Er war am Rand der Lichtung gestanden, regungslos, mit mir zugewandtem Gesicht; ich hatte deutlich die helle, ovale Fläche oberhalb seines schwarzen Torsos ausmachen können. 
Ich geriet in Panik. An der Serpentinenkehre, die ich vor wenigen Metern passiert hatte, war eine kleine Lichtung gewesen, eigentlich nur eine Kreuzung, wo ein Waldweg im rechten Winkel auf die Schotterpiste traf. Dort hatte ich den Schatten eines Hochsitzes gesehen. Ich kehrte um. Die Leiter wackelte etwas, war aber stabil. Ich zog mich in die Kabine hoch. Hatte der Mann mich gesehen? Sass ich hier nicht etwa in der Falle? Was, wenn er eine Schusswaffe hatte? Und so weiter. 
Die Kanzel hatte einen etwa zwanzig Zentimeter hohen Schlitz, der über die gesamte Breite der Vorderfront verlief. Ich lehnte mich vor und starrte durch ihn hinunter auf die Lichtung. Die Nacht war hell, die Bäume standen hier weniger dicht als anderswo. Man konnte deutlich die Stelle sehen, an der der dunklere Waldweg auf die hellere Schotterpiste traf. Auch die kleine Böschung an der Innenseite der Serpentinenkehre war deutlich zu erkennen, sogar die nackten, nass glänzenden Baumwurzeln dort. Es war verständlich, warum sich der Förster gerade diese Stelle für einen Hochsitz ausgesucht hatte.
Links, leicht abfallend, verlief der Schotterweg. Dort würde, wen auch immer ich gesehen hatte, in den nächsten Minuten hochkommen. 
Ich verhielt mich still. Die enge Kabine verstärkte den Schall, so dass mir jedes Rascheln meiner Jacke in den Ohren dröhnte. Ich hatte den Rucksack abgenommen und neben mich gestellt. Wie sichtbar war ich hier oben? Sollte ich mich wegducken, sobald ich den Mann kommen sah? 
Ich wartete. Meine Knie begannen zu schmerzen, aber ich wagte nicht, mich umzusetzen. Warum kam der Mann nicht? Hatte er vielleicht gesehen, dass ich in die Kanzel gestiegen war? Beobachtete er mich jetzt gerade? Oder schlich er sich vielleicht sogar gerade von irgendwo heran? 
Ich nickte immer wieder für Momente ein. Ich träumte, schrak auf, nickte wieder ein. Alles vermischte sich miteinander: Die Angst, die ich hier oben in der Kanzel empfand; die wunderbare Erleichterung darüber, einzuschlafen, endlich einzuschlafen; das Bild der Lichtung, wie sie sich unter mir ausbreitete; der Schatten, den ich vorhin am Weg gesehen hatte. Nichts davon hatte etwas Eindeutiges, Entschiedenes, klar Abgegrenztes, auch nicht in seiner Beziehung zu mir. Alles war vage und zweideutig. Sollte ich mich nun fürchten vor diesem Mann oder sollte ich mich nicht vor ihm fürchten? War es hier oben tatsächlich so kalt, oder träumte ich nur, dass ich fror und mir Schauer über den Rücken liefen? In einer Sekunde war ich mir ganz sicher, dass ich mir den Schatten vorhin nur eingebildet hatte. In der nächsten sah ich den Mann leibhaftig dort unten auf dem Schotterweg stehen. Er trug einen Hut wie ein Gangster. Er war auch bewaffnet. Doch er schoss nicht auf mich, sondern auf ein Reh, dass sich zwischen den Bäumen zeigte.  
Unterhalb dieses Chaos' aus Bildern und Gefühlen verdichtete sich irgendetwas, nahm irgendetwas Gestalt an - eine harte, kalte Erkenntnis, die schliesslich an die Oberfläche stieg, alles andere verdrängte und sich in Absolutheit vor mich hinstellte: Ich war alleine, vollkommen alleine. Natürlich wurde ich geliebt, von meiner Frau, meinen Kindern, ebenso, wie ich sie liebte. Ich hatte Freunde, ich hatte Bekannte. Doch im entscheidenden Moment, nämlich wenn ich sterben würde, würde ich alleine sein - so wie jeder andere Mensch auch. Nichts würde mich davor bewahren können. Im Krankenhaus, in jener Nacht nach der Operation, hatte ich dieses Wissen nicht ertragen können. Ich hatte die Schwester um ein Schlafmittel angefleht. Doch jetzt, auf dem Hochsitz oben, eingesperrt in meine kleine Kammer, hatte ich den Mut, ihm ins Gesicht zu sehen. Es war vollkommen gleichgültig, ob sich dort draussen nun wirklich ein Mann aufhielt oder nicht, ob ich vorhin nun wirklich einen Schatten gesehen hatte oder nicht. Das spielte gar keine Rolle. Aber dies, nämlich dem Urschrecken ins Auge zu sehen, das war wichtig, das war wesentlich. Deshalb war ich hier. 
Ich war hellwach, noch dazu aufgeregt wie jemand, der endlich, nach langem Grübeln, eine komplizierte mathematische Formel verstanden hat. Alles lag klar vor mir. Ich war alleine - das war die grundlegende Tatsache meines Lebens. Wenn ich ihr ins Gesicht sah, wenn ich nicht auswich, sondern stand hielt - was sollte mir dann noch passieren? Was sollte mich dann noch schrecken? Ich kletterte aus der Kanzel heraus, zog den Rucksack heran, schulterte ihn, indem ich mich erst mit der einen, dann mit der anderen Hand festhielt, und stieg die Leiter hinab. 
Der wahre Schrecken war nicht der Mann, den ich mir wahrscheinlich sowie nur eingebildet hatte, sondern der wahre Schrecken war die Leere um mich herum. Die Nacht war leer. Hier war niemand. Die Bäume hatten mit mir nichts zu tun, der Himmel da oben mit seinem "lieblichen" Sternen, seinem "lieblichem" Mond hatte mit mir nichts zu tun, der helle Schotterweg, den ich hinablief, hatte mit mir nichts zu tun. Ich war hier nur ein Gast, ein Schatten, eine vollkommen unwesentliche Entität. Bedeutungslos. Nichtig.  
Ich trat auf die grosse Lichtung hinaus, auf der ich vorhin den Schatten gesehen hatte. Nichts konnte mir jetzt gleichgültiger sein. Ich tat etwas, was ich aus gutem Grund noch nie auf einem meiner nächtlichen Streifzüge gemacht hatte: Ich steckte mir die Kopfhörer meines Telefons ins Ohr und schaltete Musik ein.